EbM - Theorie und Handwerkszeug Teil 9

Statistische
Grundbegriffe II

Im 8. Teil dieser Serie wurden die Begriffe Konfidenzintervall, p-Wert und relatives Risiko erklärt. In dieser Folge werden weitere statistische Begriffe erläutert, die in der evidenzbasierten Medizin und in Leitlinien eine wichtige Rolle spielen: Relative und absolute Risikoreduktion, "number needed to treat" und "number needed to harm".

[Evidenzbasierte Medizin]
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Relative Risikoreduktion (RRR)
Bei dem Vergleich von zwei Studienpopulationen beschreibt die relative Risikoreduktion, um wie viel das relative Risiko durch eine Intervention im Vergleich zu einer Kontrollgruppe reduziert wurde. Ein relatives Risiko von 0,86 (oder 86%) besagt, dass im Vergleich zur Kontrollgruppe (=100%) 86% der Ereignisse in der Interventionsgruppe auftraten; bzw. dass in der Interventionsgruppe 14% (1-0,86=0,14) weniger Ereignisse auftraten (=relative Risikoreduktion). Mit anderen Worten: im Vergleich zur Kontrollgruppe sind Ereignisse in der Interventionsgruppe um 14% seltener. Dies ist - entsprechend der Definition - lediglich ein relatives Maß.

Der Wert sagt nichts darüber aus, wie viele Ereignisse wirklich durch eine Behandlung verhindert werden, sondern nur wie viel seltener ein Ereignis in der Behandlungsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe eintritt.

Berechnung:
RRR = (CER - EER) / CER * 100

RRR = Relative Risikoreduktion
CER = "control event rate" = Ereignisrate in der Kontrollgruppe
EER= "experimental event rate" = Ereignisrate in der experimentellen Gruppe

    Beispiel: Patienten, die mit einem ß-Blocker behandelt wurden, erlitten in 12,8% ein kardiovaskuläres Ereignis, z.B. einen Herzinfarkt. Bei Patienten, die mit einem AT-II-Antagonisten therapiert wurden, trat in 11% der Fälle ein solches Ereignis ein. Die RRR berechnet sich dann als [(12,8%-11%)/12,8%] *100 = 14%. Bezogen auf die Gruppe der mit ß-Blockern Behandelten traten unter AT-II-Antagonisten also 14% weniger kardiovaskuläre Ereignisse auf.

Absolute Risikoreduktion (ARR)
Sie bezeichnet die absolute Differenz der Ereignisrate (Event rate) zwischen zwei Vergleichsgruppen. Meist zwischen der Interventionsgruppe (Verumgruppe) und der Kontrollgruppe (Placebogruppe).

Berechnung:
ARR= Experimentelle Ereignisrate (EER) - Ereignisrate in der Kontrollgruppe (CER).

    Beispiel: Nach dem obigen Beispiel wäre also zu berechnen:
    12,8-11%=1,8%
    Die absolute Risikoreduktion liegt bei 1,8%.
    Bezogen auf alle Erkrankten ist die Reduktion der kardiovaskulären Ereignisse also nur 1,8%, wenn AT-II-Antagonisten die ß-Blocker ersetzen. Wäre die ARR 0%, so bestünde kein Unterschied zwischen den Gruppen.

Wichtig: Das relative Risiko sagt nichts über die absolute Reduktion des Risikos aus. Ist das Risiko in der Interventionsgruppe 1% und in der Kontrollgruppe 2% so wird das Risiko nur um 1% absolut reduziert. Relativ wird das Risiko aber um 50% reduziert (1%/2%).

Number needed to treat (NNT)
Die Anzahl von Patienten, die behandelt werden müssen um ein Ereignis zu verhindern, das mit der Kontrollbehandlung eingetreten wäre, wird als "number needed to treat" bezeichnet. Sie gilt nur für eine spezifische Intervention und ein spezifisches Outcome.

Berechnung:
Die NNT berechnet sich aus 1/ARR *100 (ARR ist die absolute Risikoreduktion).

    Beispiel: Nach den obigen Zahlen würde sich die "number needed to treat" wie folgt berechnen:
    NNT = 1/1,8 *100 = 55,56

    Das bedeutet, dass 56 Patienten über einen bestimmten Zeitraum (besagte Studie lief über 4 Jahre) mit einem A-II-Antagonisten statt mit einem ß-Blocker behandelt werden müssten, um ein einziges kardiovaskuläres Ereignis (Event, Outcome) zu verhindern.

Number needed to harm (NNH)
Analog zur "number needed to treat" kann auch berechnet werden, wie viele Patienten behandelt werden können, bis eine Nebenwirkung auftritt. Diese Zahl wird dann als "number needed to harm (NNH)" bezeichnet.

Berechnung:
Die Berechnung funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie bei der NNT. Allerdings wird dann nicht von der absoluten Risikoreduktion gesprochen, sondern von der Differenz der negativen Zielereignisraten (ARI = absolut risk increase).

ARI = Auftreten des unerwünschten Ereignisses in der experimentellen Gruppe - Auftreten des unerwünschten Ereignisses in der Kontrollgruppe (CER). NNH = 1/ARI *100

    Beispiel: 3040 Männer mit benigner Prostatahyperplasie erhielten entweder ein neues Medikament oder ein Plazebo. In der Verum-Gruppe (neues Medikament) wurden 13,2% impotent, in der Plazebo-Gruppe 8,8%.

    Daraus lässt sich die NNH wie folgt berechnen:
    13,2% - 8,8% = 4,4%

    NNH = 1/4,4 = 22,73

    Das bedeutet: pro 23 Patienten, die mit dem neuen Medikament therapiert werden, wird im statistischen Mittel ein zusätzlicher Patient impotent.

Fazit:
An den obigen Erklärungen und Beispielen lässt sich eindrücklich aufzeigen, wie mit den gleichen Zahlen (Ergebnissen einer Studie) ganz unterschiedliche Aussagen getroffen werden können. Zunächst überzeugt die Relative Risikoreduktion von 14%. 14% weniger Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Tod unter Therapie mit einem anderen Medikament. Die Absolute Risikoreduktion wirkt mit 1,8% weniger überzeugend. Schließlich drückt die NNT aus, zu welchem Preis man diese Senkung des Risikos bekommt: Um ein einziges Ereignis zu verhindern, müssen 56 Erkrankte vier Jahre lang das neue Medikament statt dem alten einnehmen.

Schauen Sie also in Zukunft genau hin, wenn verschiedene Therapien miteinander verglichen werden. Wird die relative oder die absolute Risikoreduktion gezeigt? Wird eine "number needed to treat" genannt? Wenn nicht, fragen sie nach. Oder berechnen Sie sie einfach selbst, wenn die entsprechenden Daten angegeben sind.

Dr. med. Horst Christian Vollmar und Nik Koneczny

Die Autoren sind Ärzte für Allgemein- bzw. Innere Medizin und wissenschaftliche Mitarbeiter des Wissensnetzwerkes evidence.de der Universität Witten/Herdecke
 
 

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